Dezember 2007
Liebe Leserin, lieber Leser,
Die Veränderungen wirtschaftlicher Strukturen – sei es aufgrund der gerne als „Metabefund“ zitierten Globalisierung oder sei es durch technologische Innovationen – geht ohne Zweifel in einem immer schnelleren Tempo voran. Da bleibt oft nicht genug Zeit für eine Analyse, was sich denn wirklich verändert, was davon zwingend auf dem einen oder anderen Pfad erfolgen muss und welche Auswirkungen diese Veränderungen für Staat, Gesellschaft und den einzelnen Menschen mit sich bringen. Oft wird eine Argumentationskette aufgebaut, die die Akteure nur noch als Getriebene ohne eigene Optionen und Eingriffsmöglichkeiten darstellt.
An vielen Beispielen wird die Unzufriedenheit mit dieser Argumentation und damit zumindest der Wille spürbar, proaktiver mit solchen Veränderungen umzugehen. Sei es in Fragen der Sicherheit (Sind wir nur noch zu Reaktionen auf die Bedrohungen des Terrorismus fähig?), in Fragen der Demografie (Muss eine Gesellschaft der länger Lebenden mit zunehmendem Anteil älterer Menschen unausweichlich zu einem Verlust an Lebensstandard führen?) oder des Klimaschutzes (Wird das Weltklima gerettet, wenn wir in Deutschland massiv in Klimaschutz investieren oder müssen wir nicht auch dafür sorgen, dass aufstrebende Volkswirtschaften nicht die gleichen Fehler machen wie wir?).
Für die führende Exportnation stellt sich die Frage nach Internationalisierungsstrategien ganz besonders. Da wir gleichzeitig unser Innovationssystem immer stärker unter dem Aspekt von Netzwerken und Clustern betrachten, ist das Thema Internationalisierung dieser Cluster und Netzwerke auf der aktuellen Agenda. Eine häufige Antwort von Unternehmen auf die Frage, warum man denn diese Aktivität oder jene Investition in China tätige lautet „Man muss dabei sein, weil es die anderen auch machen“. Diese relativ „strategiefreie“ Antwort kann auf Dauer nicht (alleine) zum Erfolg führen und die sich aus solchen Engagements ergebenden Probleme zeigen auch, dass hier die zentrale Frage einer „Win-win-Situation“ oft unbeantwortet bleibt. Das gilt im Übrigen auch für viele Forschungsorganisationen. Die von Dr. Gerd Meier zu Köcker vorgestellte Momentaufnahme aus Sicht wichtiger europäischer Netzwerke und Cluster zeigt, dass hier der Handlungsbedarf erkannt wurde und nun konkrete Instrumente zu entwickeln sind.
Wenn Veränderungen stattfinden, geht manches unter, aber es entsteht auch viel Neues und das erfordert neue Sichtweisen. Gerade die auf neuen Technologien basierenden Unternehmen passen oft nicht in alte Branchenstrukturen und das entsprechende Berichtswesen. Häufig sind sie von Anbeginn auf eine Internationalisierung ihres Geschäftsmodells angewiesen, schon allein weil sie Marktnischen adressieren, für die auch ein Binnenmarkt wie Deutschland einfach zu klein ist. Eine Voraussetzung zu Analyse und Strategiebildung ist aber die Verfügbarkeit belastbarer quantitativer Indikatoren wie beispielweise Anzahl von Unternehmen, von Neugründungen, Zahl der Arbeitsplätze oder der Entwicklung der Umsätze. Statistiksysteme haben ein methodisches Problem, weil sie langfristig vergleichbare Daten liefern müssen. Kurzfristige Änderungen stehen dem entgegen, doch erfüllen Statistiken auf der anderen Seite wichtige Anforderungen wie Aktualität und Vollständigkeit nicht mehr, wenn die Veränderungen nicht mehr abgebildet werden. Über Ansätze zum Umgang mit diesem Dilemma berichtet Sonja Kind am Beispiel des NACE-Branchencodes.
Veränderungen führen auch zu Anpassungsdruck bei der Qualifizierung der Mitarbeiter in den betroffenen Bereichen. Überlagert von Veränderungen in unseren Ausbildungssystemen und einem unter dem demografischen Druck zunehmenden „War for talents“ besteht die Gefahr, dass ausgerechnet diejenigen Unternehmen auf der Strecke bleiben, die besonders wichtige Beiträge zu Veränderungen und Anpassung in unserem Innovationssystem liefern: KMU können sich langfristige und teure Investitionen in Qualifizierungsprogramme oft nicht leisten. Am Beispiel des Modellversuchs „ExzellenzTandems“ zeigt Claudia Loroff, wie zwischen den divergierenden Interessen von Forschungseinrichtungen und KMU ein Weg zu einer „Win-win-Situation“ gefunden werden könnte. Ausgangspunkt ist dabei die Einsicht, dass einer der erfolgreichsten Wege des „Technologietransfers“ über Köpfe geht.
Wie immer würden wir uns über Ihre Meinung, Anregung oder Kritik zu den vorliegenden Beiträgen sehr freuen.
Dr. Werner Wilke & Peter DortansInhalte der Ausgabe Dezember 20071) Wissenschaftliche Weiterbildung für Unternehmenvon Claudia Loroff
2) Potenzialanalyse junger Technologiefelder: Hat der NACE-Branchencode ausgedient?
von Dr. Sonja Kind
3) Internationalisierung von Netzwerken und Clustern – aber wie?
von Dr. Gerd Meier zu Köcker
Last modified 20.12.2007 02:00 PM
