Die Energiewende braucht Innovationen

Die Energiewende ist eines unserer größten gesellschaftlichen Projekte; damit sie letztendlich gelingen kann, bedarf es umfassender Innovationen. Die Basis für diese Innovationen müssen die Grundlagenforschung und praxistaugliche technische Entwicklungen von Unternehmen liefern. Damit daraus Innovationen werden, bedarf es aber auch neuer Geschäftsmodelle.

Wir werden ein nachhaltiges Energiesystem nur aufbauen können, wenn es uns gelingt, wichtige Technologien zu entwickeln, über die wir heute noch nicht verfügen. Beispielsweise können die erneuerbaren Energien ohne Speicher nicht zur tragenden Säule der Energiewende werden. Das gleiche gilt für eine Vielzahl von Elementen in dem hochkomplexen System, das durch die plakative Überschrift Energiewende recht unscharf umrissen wird.

Dennoch scheint die noch größere Herausforderung darin zu bestehen, einen Konsens über eine gesellschaftliche Vision unserer Energieversorgung nach der Energiewende zu erreichen – und diesen über eine ungewöhnlich lange Periode auf dem Weg dorthin aufrecht zu erhalten. Nur wenn dieser Konsens Bestand hat, wird die Politik in der Lage sein, die notwendigen Mittel für die Grundlagenforschung und für technische Entwicklungen in erforderlichem Umfang und mit einer langfristigen Perspektive zur Verfügung zu stellen.

Dass die Sorge um den stabilen Konsens und die langfristige Handlungsfähigkeit der Politik begründet ist, zeigt sich beispielsweise schon im Jahr vier der Energiewende an den irrationalen Diskussionen um den Ausbau der Energietrassen in Deutschland.

Ein weiteres Risiko besteht in der beliebten Forderung nach einfachen und allgemeinverständlichen Aussagen zu schwierigen Themen. Doch die realen Probleme werden immer komplexer und weniger prognostizierbar, seien es z. B. das Energieversorgungssystem oder der Demografische Wandel. Hier besteht eine große Gefahr, wenig nachhaltige weil unterkomplexe Entscheidungen zu treffen, die bereits nach kurzer Zeit angesichts der eingetretenen Realitäten revidiert werden müssen. Das Ergebnis sind dann Enttäuschung, Vertrauensverlust – und schlimmstenfalls Populismus.

Das Projekt Energiewende kann daher nur als lernendes Dialogprojekt angelegt sein, in das neue wissenschaftliche Erkenntnisse, gesellschaftliche Präferenzen und veränderte Randbedingungen kontinuierlich eingebracht werden. Ein wichtiger Teil dieses Dialoges wird immer wieder sein, die Chancen deutlich zu machen, die Innovationen für eine gestaltbare Zukunft eröffnen. Daher wäre ein beliebter Reflex grundfalsch, nämlich die Diskussion über die Energiewende irgendwann für beendet zu erklären. Denn: Aus Friedhofsruhe entstehen bekanntlich keine Innovationen, disruptive schon gar nicht.

Disruptive Ansätze sind vor allem in der Grundlagenforschung zu erwarten, wie z. B. die Photosynthese der Pflanzen zu verstehen und als Prozess zur Energieerzeugung nutzbar zu machen. Dies sind zwar langfristige Perspektiven, doch auch die Dimensionen für einen „Einbau“ in unser bestehendes Energieversorgungssystem sind eher langfristiger Natur. Wir sprechen hier von Dimensionen von 60 Jahren, denn dies ist bei Systemen der elektrischen Energieversorgung die Nutzungsdauer der Primärkomponenten. Dies bedeutet, dass bei allen schnellen technologischen Entwicklungen, vor allem im Bereich der Informationstechnik, mit dem Problem der Integration in das bestehende Energieversorgungsystem umgegangen werden muss. Einzelne Bereiche dieses komplexen Systems werden bis zu einem vollständigen Umbau nach den Zielen der Energiewende zahlreiche Innovationszyklen durchlaufen haben. Andererseits sollen Innovationspotenziale möglichst schnell realisiert werden. Hier kann nur eine weitsichtige Standardisierung eine solche Aufwärtskompatibilität gewährleisten.

Gleichzeitig ist der Trend zu einer Dezentralisierung im Energieversorgungssystem – verteilte regenerative Erzeugungssysteme und Steuerung auf mehreren Ebenen der Netze – mit einer steigenden Bedeutung von Sicherheitsfragen verbunden. Die typischen Ziele der IT-Sicherheit (Vertraulichkeit, Verfügbarkeit und Integrität) stellen sich hier in besonderer Weise – z. B. angesichts der zu erwartenden Zunahme von Cyberangriffen auf kritische Infrastrukturen. Denn auch hier sind grundlegende technologische Entwicklungen erst noch voranzutreiben, bevor umfangreiche Ausbauinvestitionen erfolgen können.

Ein weiterer zentraler Aspekt der Energiewende ist ein besseres Energiemanagement. Auf globaler Ebene ist damit die vorher erwähnte Tendenz zur Dezentralisierung verbunden. Auf lokaler Ebene sind vor allem Maßnahmen der Energieeinsparung und des Verbrauchsmanagements erforderlich. Hier eröffnet die fortschreitende Digitalisierung große Potenziale, sowohl für neue Produkte und Dienstleistungen als auch für gewünschte Effekte in Bezug auf die Energiewende. Dieser Bereich ist sicherlich auch für die bekanntlich schneller im Innovationsprozess agierenden KMU ein attraktiver Markt – wenn denn die Rahmenbedingungen klar und verlässlich festgelegt sind.

 

Dr. Werner Wilke, VDI/VDE Innovation + Technik GmbH
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Dr. Werner Wilke ist Physiker und seit 1999 Geschäftsführer der VDI/VDE-IT.