Zukunftsorientierte Betrachtung des Energiewende-Diskurses

„Nicht in meinem Garten (Original: Not in my backyard; NIMBY).“ Das mögen viele denken, die sich in der jüngeren Vergangenheit mit dem Ausbau der Stromnetze im Rahmen der Energiewende konfrontiert sahen. Dabei hat sicherlich nicht jeder, der sich am Diskurs zur Energiewende beteiligt, einen Garten, durch den eine Stromtrasse führen könnte oder der in regelmäßigen Abständen vom Schatten eines Windrades verdunkelt wird.

Der Ausdruck NIMBY taucht häufig in der medialen Berichterstattung auf und drückt auf einfache Weise ein komplexes Paradox aus, das mit dem Diskurs zur Energiewende (und anderen Infrastruktur-Projekten) verbunden ist: Einerseits wollen viele Menschen die Vorteile moderner Technologien nutzen, andererseits aber im eigenen Umfeld keine Nachteile in Kauf nehmen. Der notwendige Ausgleich einer Vielzahl von Partikularinteressen dämpft die Umsetzungsgeschwindigkeit und gefährdet das Erreichen der Ziele. Doch nicht nur das „Wann“, sondern auch das „Wie“ wird mehr oder weniger heftig diskutiert.

Obwohl die Mehrzahl der Bürger Deutschlands den Ausstieg aus der Kernkraft und einen Ausbau erneuerbarer Energien zu befürworten scheint, regt sich auf lokaler Ebene oftmals Widerstand, wenn es um die konkrete Realisierung einzelner Vorhaben zur Erreichung der Ziele der Energiewende geht. Ein Beispiel hierfür ist der stockende Ausbau von Stromtrassen.

Die zentrale Frage, die sich bei einer zukunftsorientierten Betrachtung des gesellschaftlichen Diskurses zur Energiewende stellt, ist die, ob der derzeit stattfindende Diskurs die Umsetzung der Energiewende und die Bereitstellung einer leistungsfähigen Energieinfrastruktur eher behindert oder fördert.

Im Kern der Debatte scheint es dabei um die Frage nach einer Aufrechterhaltung eines Lebensstandards einerseits und die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft und einer diese Gesellschaft unterstützenden (Energie-)Infrastruktur andererseits zu gehen. Derzeit ersetzt vor allem Energie aus Kohlekraft die Atomenergie. Die dabei durch Neubau von Kohlekraftwerken entstehenden Treibhausgasemissionen stehen in direktem Widerspruch zu den Einsparungszielen der Energiewende. So richtet sich ein Teil des Protestes auf diese Entwicklung.

Die Reduktion des Energieverbrauchs um 25 Prozent bis zum Jahr 2050 (Basiswert 2008) scheint vor dem Hintergrund einer schrumpfenden Bevölkerung in Deutschland machbar (und aktuelle Statistiken belegen einen Rückgang des Energieverbrauchs). Dieses Ziel wird aber dann gefährdet, wenn jeder Einzelne – trotz Kauf von energieeffizienten Geräten – mehr Energie verbraucht. Die Möglichkeiten dazu steigen stetig: Laptops, Tablets, Smartphones, Wearables und die künftig im Internet of Things vernetzten (Haushalts-)Geräte benötigen Energie. Und mit den Heilversprechen von Vernetzung und Digitalisierung geht auch der steigende Bedarf an vernetzten Geräten einher. Eine Einschränkung von Konsum- und Nutzungsverhalten stellt im aktuellen Diskurs eine zunehmend bedeutendere Forderung dar, was sich insbesondere anhand der wachsenden Minimalismus-Bewegung zeigt.

Die Gestaltung einer zukunftsfähigen Energieinfrastruktur bedarf neben konkreten Investitionen auch die Entwicklung einer erstrebenswerten Vision für künftige Gesellschaften und deren Umgang mit Energie. So schwer dies bisweilen für den Einzelnen erscheinen mag, so herausfordernd ist die Gestaltung der Zukunft auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Hier ist die Politik gefragt, die aber durch ihre bisweilen widersprüchlichen Ziele und Entscheidungen auf unterschiedlichen föderalen Ebenen den Diskurs eher erschwert als vereinfacht. Wie soll also ein Konsens entstehen, der auf Zukunftsbildern basiert, die sich aus einer Vielzahl gegensätzlicher und unterschiedlicher Motivation sowie Interessenlage speisen? Und wie kann und soll ein Konsens entstehen, der dazu beiträgt, dass die vielen einzelnen Vorhaben im Rahmen der Energiewende zumindest nicht behindert werden?

Partizipative Ansätze in Form von Bürgerbeteiligungen oder „Bürgernetzen“ (finanzielle, renditeorientierte Beteiligungen von Bürgern oder Gemeinden am Netzausbau) können ein Mittel zur Moderation des Diskurses sein. Fraglich bleibt jedoch, ob die im Rahmen derartiger Prozesse engagierten Menschen tatsächlich den gesellschaftlichen Querschnitt oder doch nur einen besonders eifrigen Ausschnitt repräsentieren. Werden die mit der Energiewende verbundenen Entscheidungen also auf Grundlage überrepräsentierter Partikularinteressen getroffen, so entfalten sie umfangreiche Wirkungen, die sich unter Umständen nur schwer korrigieren lassen – insbesondere dann, wenn sie mit längerfristigen Planungs- und Investitionsvorhaben verbunden sind.

Ein fragmentierter und in Teilen widersprüchlicher Diskurs eignet sich nur bedingt, um daraus Rückschlüsse auf einen künftigen Verlauf zu ziehen. Für den Diskurs rund um die Energiewende mag das bedeuten, dass kurzfristig weiterhin verschiedenste Positionen verbreitet werden, die Lebensdauer einzelner Standpunkte aber erst bei einer längerfristigen Betrachtung ersichtlich wird.

 

Tobias Jetzke, VDI/VDE Innovation + Technik GmbH
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Tobias Jetzke ist Zukunftsforscher im Bereich Demografischer Wandel und Zukunftsforschung. Zu seinen Themen zählen vor allem die Wechselwirkungen gesellschaftlicher und technologischer Entwicklungen.