Forschungsperspektiven für den demographischen Wandel

Gesellschaften unterliegen einem beständigen Wandel: Sie passen sich fortlaufend an neue Gegebenheiten an, schrumpfen dabei oder wachsen oder ändern sich in ihrer Zusammensetzung. In den letzten 100 Jahren sind viele Gesellschaften rund um den Globus davon geprägt, dass die Menschen immer älter werden. Die beständige Verbesserung der medizinischen Versorgung, der Ernährung und ein zunehmender Wohlstand haben die Lebensbedingungen der Bevölkerung maßgeblich verbessert und die Basis für eine immer länger werdende Lebensspanne gelegt. Dies hat zur Folge, dass die Menschen in Deutschland und anderen Ländern heute im Schnitt 30 Jahre älter werden als zu Beginn des 20. Jahrhunderts – dies stellt einen großen Fortschritt dar. Gleichzeitig sind viele dieser Gesellschaften von einem deutlichen Rückgang der Geburtenrate geprägt; die zweite Facette des Begriffs „Demographischer Wandel“.

Während abnehmende Geburtenziffern schon häufiger in der Geschichte der Menschheit auftraten, tritt der Prozess hin zu einer stark älter werdenden Gesellschaft in einer solch umfassenden Form zum ersten Mal auf. Es gibt daher keine Beispiele oder Erfahrungen für den Umgang mit diesem Phänomen. Zahlreiche Quellen geben jedoch detailliert Auskunft über die zu erwartenden Ausprägungen des demographischen Wandels. Und selbst bei Abweichungen von den in den Prognosen verwendeten Annahmen würde sich an der grundsätzlichen Gültigkeit der Trends kaum etwas ändern. Allerdings würden sich die korrespondierenden Entwicklungen gegebenenfalls umfassender oder schwächer bzw. früher oder später vollziehen. Und genau hierin liegt ein wichtiger Ansatz für die Gestaltung, denn besagter Wandel ist keine über uns hereinbrechende Naturkatastrophe, sondern im wahrsten Sinne des Wortes menschgemacht.

Komplexe Aufgaben erfordern komplexe Forschung

Der demographische Wandel ist ein Prozess, der die gesamte Gesellschaft betrifft – egal, ob jung oder alt. Künftige Forschungsaktivitäten müssen umfassend konzipiert und umgesetzt werden, um der Vielschichtigkeit der Veränderungen gerecht zu werden. Dabei gilt es, sowohl die Lebenszeitperspektive der Menschen in den Fokus zu nehmen, die bereits Maßnahmen für junge Menschen im Hinblick auf deren Alterung berücksichtigen, als auch die multiplen Einflussgrößen wie etwa soziokulturelle, ökonomische, biologische, psychologische und auch technologische Faktoren in die Forschungsarbeiten einzubeziehen. Erforderlich sind daher Forschungszugänge, die nicht auf monokausale Faktoren und Beziehungen setzen, sondern die fach- und sektorenübergreifende, wechselseitige Abhängigkeiten in der Gesellschaft abbilden. Damit kommt der interdisziplinären Zusammenarbeit verschiedenster Fachrichtungen – Ingenieure, Mediziner, Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaftler sowie Ökonomen – eine besondere Rolle zu, um die Komplexität der Aufgaben zu verstehen und angemessene, verantwortungsvolle und intelligente Lösungen entwickeln zu können.

Die Chancen nutzen

Viele Forschungsergebnisse zeigen schon jetzt, dass mit den sich vollziehenden Änderungen auch vielfältige Chancen verbunden sind. Die sich ändernde Altersverteilung setzt eine Neustrukturierung von Prozessen des Lernens, Lebens und Arbeitens in der Produktion und Wertschöpfung in Gang. Und die Rolle des Individuums wird gestärkt, da wir es uns künftig nicht mehr leisten können, auf den frischen Wind junger Köpfe zu verzichten oder erfahrene Kräfte als „altes Eisen“ links liegen zu lassen. Mit dem demographischen Wandel ändert sich aber nicht nur der Arbeitsmarkt, auch die Absatzmärkte werden sich anpassen. Neue Dienste und Produkte für ältere und alte Menschen werden dabei große Wachstumschancen bieten – insbesondere für jene Firmen und Volkswirtschaften, die sich rasch auf die sich abzeichnenden Möglichkeiten einstellen und neue Geschäftsmodelle entwickeln.

Es ist unsere Zukunft

Keine Frage: Die Alterung Deutschlands erhöht den Bedarf für vielfältige Reformen. Wenn es gelingt, den demographischen Wandel mit einer zuversichtlichen und nicht allein von Schreckensszenarien geprägten Sichtweise zu betrachten und die notwendigen Weichen zu stellen, können wir dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft nicht trotz, sondern vielleicht gerade wegen des Wandels zukunftsfähig bleibt. In diesem Sinne stellen die zusätzlichen Lebensjahre ein reichhaltiges und vielfältiges Potenzial für den gesellschaftlichen Fortschritt dar.

Da der demographische Wandel in der Forschung eine immer größere Beachtung und Sichtbarkeit erlangt, wurde in der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH zu Beginn des Jahres 2011 ein eigener Bereich zu diesem Thema eingerichtet. Dieser unterstützt im BMBF das Referat „Demographischer Wandel/Mensch-Technik-Kooperation“ als Projektträger und fungiert darüber hinaus als Sekretariat für die europäische Joint Programming Initiative „More Years, Better Lives: The Potential and Challenges of Demographic Change.“

 

Christine Weiß, VDI/VDE Innovation + Technik GmbH
christine.weiss@vdivde-it.de
+49 30 310078-184

Christine Weiß ist seit Anfang des Jahres 2011 stellvertretende Bereichsleiterin im Bereich Demographischer Wandel der VDI/VDE-IT.