Klima- und Umweltschutz für die Stadt von morgen

Die rasante Geschwindigkeit der Urbanisierung ist eine der großen Herausforderungen der Menschheit. Im Jahr 2008 lebten zum ersten Mal in der Geschichte mehr Menschen in den Städten als auf dem Land. Der Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen rechnet mit ca. 5 Milliarden Menschen, die bis 2030 die urbanen Räume bevölkern werden (siehe: www.UNFPA.org). Der Hauptanstieg findet vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern statt, aber auch in Europa und Nordamerika wird eine Ausbreitung der urbanen Räume erwartet. Seit Generationen wird darüber nachgedacht, wie die Städte von morgen aussehen werden – oder besser – auszusehen haben, um den Anforderungen gerecht zu werden, die die wachsende Bevölkerung mit sich bringt. Die Ansprüche an urbane Lebensräume sind dabei sehr vielfältig: Städte sollen u. a. Wohnraum bereitstellen, Arbeitsmöglichkeiten bieten, sicher sein, Bildungs-, Freizeit- und kulturelle Angebote anbieten, eine hohe Mobilität über ein ausgebautes Verkehrsnetz ermöglichen, optimale Bedingungen für Gewerbe, Produktion und Handel bieten, ein umfassendes Gesundheitssystem anbieten sowie über eine ausgeprägte Informations- und Telekommunikationsstruktur verfügen. Außerdem sollen Städte auch viel Grün, Natur und eine hohe Umweltqualität aufweisen. Es wird jedoch die große Ausnahme bleiben, dass urbane Räume komplett neu „am Reißbrett“ entworfen werden können – wie z. B. Masdar City im Emirat Abu Dhabi – und man möglichst viele der Anforderungen bei den Planungen von vornherein berücksichtigen kann. Eher sind innovative Lösungen gefragt, die in die bestehenden urbanen Strukturen, die sich über viele Jahrzehnte entwickelt haben, einfach integriert werden können. Die „Stadt von morgen“ wird somit einen großen Anteil an „Stadt von heute“ und auch an „Stadt von gestern“ aufweisen.

Klimaschutz muss bei den Maßnahmen in Richtung „Stadt von morgen“ eine zentrale Rolle einnehmen. Nach Aussage des WWF sind Städte bereits heute für mehr als 70 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. In den Städten konzentrieren sich klima- und umweltrelevante Herausforderungen, wie z. B. Abfallverwertung, Ressourcen und Energieverbrauch, Lärmschutz, Abwasseraufbereitung und Luftverschmutzung. Es werden jedoch nicht nur die sehr umfangreichen Maßnahmen, wie z. B. die Erhöhung der Energieeffizienz bei Gebäuden, der Übergang von fossiler Energieerzeugung hin zu erneuerbaren Energien oder die Ausweitung der Elektromobilität notwendig sein, um die negativen Auswirkungen der Städte auf Klima und Umwelt zu reduzieren. Auch kleinere, aber dennoch genauso innovative Ansätze können eine große Rolle spielen, um den ökologischen Fußabdruck der urbanen Räume zu verbessern.

Als Beispiel für eine punktuell umsetzbare, aber sehr effektive Maßnahme, können die sogenannten „Grünen Gleise“ angesehen werden. Damit ist die Begrünung von Straßenbahngleisen z. B. mit Rasen oder Sedum („Fetthennen“) gemeint, die aus stadtgestalterischen und ökologischen Gründen vorgenommen wird. So entstehen durch die Begrünung von zwei Kilometern Doppelgleis mehr als ein Hektar Vegetationsfläche. Deutschlandweit sind momentan rund 400 Straßenbahngleiskilometer begrünt (z. B. in Berlin, Kassel und Dresden), was einem Anteil von ca. 9 Prozent entspricht (siehe auch: ZIM-Grüngleisnetzwerk). Auch im Ausland (z. B. in Barcelona und Brüssel) werden immer mehr „Grüngleiskilometer“ realisiert. Grüne Gleise weisen vielfältige ökologische Vorteile auf: So leisten sie durch die Entsiegelung von Böden einen wichtigen Beitrag zum urbanen Wasserkreislauf und zum Mikroklima: Die Gleisvegetation speichert Niederschlagswasser und setzt dieses durch Verdunstung wieder frei. Außerdem nehmen die Pflanzen Schadstoffe (z. B. Feinstaub) aus der Luft auf und tragen zur Lärmminderung bei. Das Grüne Gleis bietet weiterhin neue Lebensräume für Flora und Fauna und weist durch die optische Aufwertung der Gleisanlagen eine hohe Akzeptanz bei der Bevölkerung auf. Auch aus ökonomischer Sicht sind die Grünen Gleise heute eine interessante Alternative für die Straßenbahnbetreiber: Durch technische Innovationen hinsichtlich des Gleisbaus und vor allem auch durch die notwendige Integration des pflanzentechnischen Know-hows in den Aufbau der verwendeten Vegetationssysteme konnten in den letzten Jahren viele Bedenken gegen diese Art der Gleisform ausgeräumt werden. Grüne Gleise können heute sowohl aus Investitionskosten- als auch aus Unterhaltskostensicht mit konventionellen innerstädtischen Gleissystemen konkurrieren.

Grüne Gleise allein sind kein Allheilmittel, um die urbanen Umweltprobleme der Städte zu lösen. Das Beispiel zeigt aber sehr gut, dass auch kleine innovative Lösungen eine wichtige Bedeutung haben können. Eine nachhaltige Verkleinerung des ökologischen Fußabdrucks urbaner Räume wird aber nur realisiert werden können, wenn eine effektive Bündelung verschiedener innovativer Maßnahmen – egal ob klein oder groß – erfolgt.

 

Martin Richter, VDI/VDE Innovation + Technik GmbH
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Martin Richter ist Diplomingenieur für Umwelt- und Verfahrenstechnik mit den Arbeitsschwerpunkten Netzwerk- und FuE-Förderung sowie Themenfeldkoordinator für Bioökonomie des iit.