Intuitive Kommunikation und Interaktion mit Technik
Ob via Berührung, Bewegung oder Sprache – innovative, sogenannte natürliche Mensch-Technik Schnittstellen ermöglichen neue Formen der Interaktion und Kommunikation. Allerdings sind nicht nur technische Faktoren wesentlich bei der Frage ob eine Schnittstelle tatsächlich intuitiv bedienbar und erfolgreich ist, auch der Kontext der Nutzung ist entscheidend.
Seit Jahrzehnten stehen Forscher im Bereich Mensch-Technik Interaktion vor der Herausforderung, herauszufinden, welche intuitiv zu nutzenden Schnittstellen zwischen Mensch und Technik traditionelle Schnittstellen sinnvoll ergänzen oder sogar ersetzen könnten. Eine wesentliche Überlegung dabei ist, dass gängige Benutzerschnittstellen, wie zum Beispiel Tastaturen oder Computermäuse im Büro, oder Schalter, Joysticks und Steuerräder im industriellen Umfeld eine Adaption des Nutzers an das Bedienkonzept der Technik erfordern. Wünschenswert wäre jedoch, wenn die Technik sich an den Menschen anpasst, um eine reibungslose Kommunikation und Kooperation zu gewährleisten. Neue Schnittstellen sind sowohl für den industriellen, als auch vor allem für den Konsumentenmarkt konzipiert worden. Während sich zum Beispiel Touchscreens bei Mobiltelefonen und Tabletcomputern, aber auch in Führerständen und Cockpits, durchgesetzt haben und eine weitgehend intuitive Interaktion erlauben, sind andere Formen der Interaktion und Kommunikation noch nicht so intuitiv bedienbar. Zwei Beispiele sollen demonstrieren, warum der Nutzungskontext entscheidende Auswirkungen auf den Erfolg von natürlichen Schnittstellen hat, und dass nicht nur technische, sondern auch soziale Faktoren für den Erfolg einer Technologie eine Rolle spielen.
Großen Medienrummel gab es um die Einführung der Microsoft XBOX Kinect im Winter 2010. Dabei handelt es sich um die Gesten- und Bewegungsschnittstelle für eine Spielkonsole, die Bewegungen mittels einer Kombination aus Tiefensensor- und Farbkamera erkennt. Kinect bietet gerade für Kinder und Jugendliche spannende Möglichkeiten der Interaktion und hat, quasi nebenbei, die Erkenntnisse aus über 20 Jahren Forschung zum maschinellen Sehen auf den Kopf gestellt: Denn eine so günstige Hardware, die den Bewegungen von bis zu acht Personen gleichzeitig folgen kann, galt vor der Einführung als undenkbar. Aus diesem Grund wird diese eigentlich für den Massenmarkt bestimmte Technik jetzt auch in diversen Forschungsprojekten verwendet. Das System verkaufte sich weltweit über 10 Millionen Mal und wird kontinuierlich um neue Software ergänzt. Dies ist ein großer Erfolg dieser innovativen Mensch-Technik-Schnittstelle.
Ein Jahr später hat Apple sein neuestes iPhone auf den Markt gebracht und mit Siri einen sprachbasierten, persönlichen Assistenten integriert. Jahrzehntelang haben Wissenschaftler an der Erkennung und Verarbeitung natürlicher Sprache gearbeitet. Lediglich in automatisierten Call Centern und in Nischenmärkten wie bei Diktiersoftware haben sich Sprachschnittstellen durchgesetzt. Schuld daran waren schlechte Spracherkennung und umständliche Bedienung. Siri beseitigt diese Probleme weitgehend, so dass zum Beispiel Termine arrangiert, Erinnerungen notiert, im Internet gesucht, E-Mails und Textnachrichten geschrieben oder nach dem Wetter gefragt werden kann.
Also ein voller Erfolg und der Durchbruch für Sprachschnittstellen? Jein, denn obwohl die Spracherkennung zumeist tadellos funktioniert, ergibt sich doch eine entscheidende Hürde bei der Nutzung: Der mobile Mensch von heute findet sich häufig in Situationen wieder, in denen er zwar sein Mobiltelefon diskret und leise nutzen kann, in denen eine sprachbasierte Kommunikation aber sozial unangemessen und unnatürlich ist: Zum Beispiel in Besprechungen, Restaurants oder öffentlichen Verkehrsmitteln. Entsprechend sieht oder hört man trotz weiter Verbreitung von Siri und vergleichbarer Assistenten auf anderen Plattformen selten jemanden mit diesen Systemen kommunizieren. Während die Bewegungssteuerung des Kinect-Systems zumeist im heimischen Wohnzimmer genutzt wird, wo die Nutzung angemessen und sozial akzeptabel ist, soll und muss ein mobiler Assistent überall zur Verfügung stehen und darf gerade keine peinlichen Situationen heraufbeschwören, zum Beispiel weil Hintergrundgeräusche die Erkennung beeinträchtigen oder mehre Versuche benötigt werden, um den richtigen Empfänger einer E-Mail zu identifizieren.
Diese Beispiele zeigen, dass spannende Mensch-Technik Schnittstellen entwickelt werden, aber dass der soziale Kontext wesentlich für die empfundene Natürlichkeit und den Erfolg der Schnittstelle ist. Des Rätsels Lösung für den persönlichen Assistenten? Vielleicht eine adaptive, kontextabhängige Verschmelzung von Sprach- und Touch- bzw. Gestensteuerung basierend auf Umfeld-Sensorik? Aktuelle Forschung arbeitet zudem zum Beispiel an innovativen Gehirn-Computer- bzw. Blickbewegungsschnittstellen. Ich bin gespannt! Sie auch?
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Dr.
Andi
Winterboer,
VDI/VDE Innovation + Technik GmbH
Dr. Andi Winterboer ist Informatiker und beschäftigt sich im Bereich Mikrosystemtechnik mit dem Schwerpunkt Mensch-Technik Interaktion. |
