Mensch-Technik-Interaktion: ein Thema mit Perspektive(n)

Die Alltagsperspektive

… ist die des rasanten Erfahrungsgewinns und der schnell einsetzenden Gewöhnung an Technik. Wie haben wir noch vor wenigen Jahren gelebt, in einer gar nicht so fernen Vergangenheit, als wir nicht an jedem Ort, zu jeder Zeit im Netz waren, um uns zu orientieren, zu kommunizieren, Informationen zu sammeln oder weiterzugeben. Ohne Apps, ohne GPS, ohne 3D-Kino, ohne Online-Käufe, ohne E-Books, ohne verteilte Plagiatsrecherchen in Doktorarbeiten, mit sozialen Netzwerken nur für Nerds, mit simplen Notrufsystemen lediglich für wohlhabende Senioren, mit Navigationssystemen, die Luxus-Autos vorbehalten waren. Alles ist nach kurzem Staunen in den Alltag und unsere Erfahrung integriert worden. Vor allem von den Jungen, die heute schon Alltagsleben ohne Technik kaum noch (nach)vollziehen können.

Die Perspektive der Wirtschaft

… ist durch Umbrüche von ganzen Industrien geprägt. Vor kurzem beschwor Daimler-Chef Zetsche im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen das Zusammenwachsen von Automobil-, Elektronik- und Informationstechnologien und sprach von neuen Herausforderungen in Bezug auf Kompetenzen und strategische Partnerschaften seines Unternehmens. Für den traditionell starken deutschen Maschinenbau entstehen Chancen durch den Einsatz von Robotik und neuartige Interaktionsformen in Mensch-Technik-Teams. In der Gesundheitsversorgung werden personalisierte Präventions- und Therapieansätze durch das Zusammengehen von Pharma, Medizintechnik und personalisierten Dienstleistungen möglich. In vielen Branchen werden also neue Modelle von Mensch-Technik-Interaktion erprobt und kommerzialisiert.

Die Perspektive der Forschung

… ist keine einer einzelnen Disziplin, die hier die Themenhoheit für sich beanspruchen könnte. Die Informationstechniker vernetzen Systeme und analysieren Daten, die Mikrotechnologen machen die Geräte immer kleiner und funktionsreicher, Materialwissenschaftler untersuchen Biokompatibilität, Sprachtechnologen und Sensortechnologen suchen nach möglichst natürlichen Schnittstellen…
Beiträge zum Forschungsfortschritt werden vor allem an den Übergängen der technischen Disziplinen geleistet. Die Technologieforscher erbringen gemeinsam Beiträge und müssen nun auch mit denen reden, die menschlichem Verhalten und den individuellen und gesellschaftlichen Wirkungen von Technik auf der Spur sind, mit den Psychologen, Sozialwissenschaftlern, auch Juristen und Technikfolgenforschern.
In der technologischen Forschung wird häufig davon gesprochen, Technik „intelligent“ machen zu wollen. Fast immer ein vermessener Anspruch, da menschliche Intelligenz noch nicht annähernd erreicht wird. In Wahrheit geht es schrittweise darum, die Technik zum komplexeren Erfassen von Informationen zu bringen, zu differenzierteren Interpretationen des Datenmaterials, zu an Menschen und Kontexten besser angepassten Optionen der Aktion und Reaktion.

Die Perspektive der Kunst

… ist gerne nihilistisch. Romane und Filme sehen den Menschen in den Fängen einer übermächtigen technischen Matrix, von Avataren umgeben. Sie malen apokalyptische Visionen von Unterdrückung und Entmündigung. Es scheint manchmal, als könnten Künstler nur dann nicht ausschließlich an dräuende Gefahren der Technik denken, sondern differenzierender auch an Fortschritt, wenn sie sich selbst auch produktiv mit Technologien beschäftigen. Das galt im 15. Jahrhundert für den Brücken- und Maschinenkonstrukteur Leonardo da Vinci wie heute für Video- und Installationskünstler, die modernste Technologien für eine aus ihrer Sicht zeitgemäße Kunst nutzen.

Die Zukunftsperspektive

… hat vor allem mit der Autonomie des Lernens und Entscheidens zu tun. Der Mensch lernt besser, Technik in sein Leben zu integrieren, und wahrscheinlich verkümmern gleichzeitig auch gute alte Fähigkeiten (Wie gut ist räumliche Orientierung noch, wenn immer ein Navigationssystem bereitsteht und wer merkt sich noch Telefonnummern?). Der Mensch muss immer und autonom entscheiden können, welche Spielräume er Technik zugesteht, und verstehen können, was Technik mit ihm macht, selbst wenn er die Details nicht mehr nachvollziehen kann. Wirklich anders wird das Leben dann, wenn Maschinen im kognitiven Sinne lernen und ihr eigenes Agieren an das Gelernte anpassen können.

Mensch-Technik-Interaktion ist also ein originäres Zukunftsfeld, was auch der Foresight-Prozess des BMBF bestätigt hat. Vieles steht am Anfang, auch wenn das Thema schon vor tausenden Jahren, sozusagen mit dem Faustkeil, ins menschliche Bewusstsein und Handeln rückte. Und zweifelsohne handelt es sich um ein Thema mit einer Vielfalt von Perspektiven und Facetten. Ob man nun von Mensch-Technik-Interaktion oder Mensch-Technik-Kooperation spricht, hat dann auch wieder mit der Perspektive auf dieses Thema zu tun. Kooperation ist Handeln, das auf der Willensäußerung und der Vereinbarung zwischen zwei oder mehreren gleichberechtigten Parteien basiert. Aber gleichberechtigt soll eine Maschine eben nicht sein. Wenn der Anspruch vertreten wird, dass Technik stets unterstützend und nach menschlichem Maß „dienen“ soll, haben wir es mit Interaktion zu tun.

 

Dr. Anette Hilbert, VDI/VDE Innovation + Technik GmbH
anette.hilbert@vdivde-it.de
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Dr. Anette Hilbert ist promovierte Ökonomin mit den Schwerpunkten Innovationspolitik und Forschungsförderung.

 

Jürgen Berger, VDI/VDE Innovation + Technik GmbH
juergen.berger@vdivde-it.de
+49 30 310078-150

Jürgen Berger ist Physiker und geht den Fragen von Innovation und Technik gern auf den Grund.

Beide Autoren leiten gemeinsam den Bereich Mikrosystemtechnik in der VDI/VDE-IT.