Mobility 2.0
Zum Widerspruch von Mobilitätsbedarf und Ressourcenschonung
Welche Bedeutung hat Mobilität?
Mobilität ist im großen Maße Voraussetzung für die Teilnahme am öffentlichen und sozialen Leben. Der „Berufsnomade“ ist längst Normalität. Man organisiert sich unterwegs – beruflich und privat. Und: Mobilität ist notwendig, um sich zu versorgen. Das gilt für den Einzelnen wie für die gesamte Gesellschaft. Ein großer Mobilitätsbedarf ergibt sich aus den Versorgungs- und Produktionsstrukturen. Die Logistikbranche ist heute zur drittgrößten Branche in Deutschland angewachsen, nicht zuletzt deshalb, da Produktions- und Versorgungsprozesse global verteilt stattfinden. Entsprechend nimmt der Verkehr für alle sichtbar zu. Der Automobilmarkt boomt. Der Flughafen Frankfurt verzeichnet 2011 einen Zuwachs von rund sechs Prozent zum Vorjahr und zweistellige Zuwächse bei Frachttransporten. Mobilität ist damit gleichzeitig Last und Lust der Moderne. Mobilität ist Lebensgefühl – Trend: leider zunehmend.
Kann der Trend gestoppt werden?
Mobilität ist Zeit- und Kostenfresser, Umweltbelastung, Notwendigkeit und Spaßfaktor. Wie kann man die Nachteile der Mobilität vermeiden, ohne auf die Vorteile zu verzichten? Gibt es Beispiele dazu? Eventuell die Plattformen der sozialen Netzwerke, über die Kommunikation digital durchgeführt wird und nicht mehr Face-to-Face. Aber es ist nicht bekannt, ob dies irgendeinen Einfluss auf das Mobilitätsverhalten hat oder ob schlicht mehr kommuniziert wird. Seit Jahren verspricht man sich auch viel von Videokonferenzen, die Reisetätigkeiten ersetzen könnten. Trotz existierender Techniken sind aber auch daraus keine bahnbrechenden Verhaltensänderungen entstanden. Telearbeit von zu Hause hat sich nur in wenigen Bereichen etabliert. Viel eher ist der Trend verteilter Arbeitsstrukturen erkennbar. Das ganze Büro ist immer dabei, um überall unterwegs zu arbeiten. Das Büro wird mobil, ganze Firmen virtuell. Mit der Mobilität steigt der Bedarf an lokalen Informationssystemen, Navigationshilfen in Gebäuden und auf Straßen und integrierten Leitsystemen. Assistenzsysteme für den mobilen Menschen sind zwingender Weise entweder tragbar oder können sich selber bewegen. In Produktionsprozessen wird aktuell der Assistenzroboter immer stärker auch mobil angedacht. In der Pflege hält die mobile Servicerobotik Einzug. Der Mobilitätstrend scheint also nicht zu stoppen. Wer es sich leisten kann, bewegt sich an den Ort des Geschehens, ganz real, zunehmend mit Assistenz durch vernetzte und mobile Systeme.
Gibt es Chancen für eine nachhaltige Mobilität?
Die einzige Möglichkeit, Mobilität ressourcenschonend zu gestalten, liegt in einer massiven Optimierung der Mobilitätsketten, des Energieverbrauches und in der Motivation neue Mobilitätskonzepte zu finden. Statistisch ist aber die Verkehrsleistung eines Landes direkt an die wirtschaftliche Leistung gebunden. Will man also überhaupt etwas ändern? Einflussfaktoren bestehen in der Auslastung und der Verkehrsmittelwahl. Das Feld der "grünen Logistik" und verkehrstelematische Systeme versuchen Einfluss auf Dauer und Anzahl von Fahrten zu nehmen. Vermutlich ist beides nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es werden grundlegendere Änderungen notwendig sein, wie die Elektromobilität. Allerdings hängt deren Mehrwert davon ab, dass regenerative Energien eingesetzt werden. Elektromobile verbrauchen heute noch ungefähr genauso viel Primärenergie wie normale PKWs. Nutzungskonzepte wie CarSharing belegen eher einen Sinneswandel im Umgang mit Mobilität als eine Reduktion. Aus den zunehmenden Ansätzen zum autonomen Fahren entspringt hingegen eine facettenreiche Vision. Koppelbare, autonome Kleinstfahrzeuge, die solo oder als Bus fahren und wenig Energie benötigen, könnten Lösungen bieten und werden in ersten Ideen bereits entwickelt. Sie ermöglichen offene interaktiv gesteuerte Mitfahrkonzepte. Stauprobleme können reduziert werden, wenn sich „Busse“ zusammenfinden und es werden Fahrzeiten durch ein übergreifendes Leitsystem verkürzt. Die Sicherheit wird dadurch erhöht, dass sich die Fahrzeuge abstimmen. So entstünde eine Integration von Individualverkehr und öffentlichem Verkehr unterstützt durch ein Mobility-Internet.
Der Mensch darf nicht vergessen werden!
Wie viel Autonomie will der Mensch seiner Umgebung zuerkennen? Dies entscheidet sich auch dadurch, wie die Schnittstellen zum Menschen realisiert werden. Der Mensch sollte immer kontrollierend eingreifen können. Die notwendigen Mensch-Technik-Schnittstellen übersteigen jedoch noch unsere Vorstellungskraft. Davon auszugehen ist, dass kognitive mobile Systeme entstehen werden, die über Sensorik und Aktorik mit dem Menschen und ihrer Umwelt interagieren werden. Ob dafür z. B. Laternen mit flexiblen Displays ausgestattet werden oder PKW mit interaktiven Scheiben, bleibt spannend. Digitale Lösungen können helfen, Verkehr zu steuern, Ressourcen zu sparen, den Menschen zu unterstützen und zu motivieren. Ohne neue Schnittstellenkonzepte ist dies nicht möglich.
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Dr.
Katrin
Gaßner,
VDI/VDE Innovation + Technik GmbH
Dr. Katrin Gaßner ist Seniorberaterin bei der VDI/VDE-IT mit Schwerpunkten in den Themenfeldern Internet und Mensch-Technik-Interaktion. |
