Technik schafft Sicherheit für den Menschen

Die Sicherheit des Menschen in der modernen Gesellschaft hängt wesentlich von einer unterbrechungsfreien Versorgung mit Elektrizität und Kraftstoffen, Wasser und Lebensmitteln sowie von einer reibungslosen Funktion von Informations- und Verkehrsinfrastruktur und Warenflüssen ab. Dafür wird in diesen Bereichen bereits heute eine Vielzahl technischer Systeme eingesetzt. Die dabei eingesetzten technischen Systeme bieten allerdings noch Verbesserungspotenzial, das unter anderem dadurch erschlossen werden kann, dass intelligentere Systeme besser und intensiver mit dem Menschen interagieren.

Der Abend des 04. November 2006, die 380-kV-Hochspannungsleitungen über die Ems im Landkreis Leer werden abgeschaltet, um dem hoch aufragenden Luxusliner „Norwegian Pearl“ die Fahrt von der Werft in Papenburg in die Nordsee zu ermöglichen. Die Leitungen transportieren Strom aus Windparks im Norden nach Westeuropa, der nun über andere Leitungen geschickt werden muss. Die Verkettung ungünstiger Umstände führt zur Überlastung der Ersatzleitungen, die sich daraufhin automatisch abschalten. Eine Kettenreaktion ist im Gange, die in Teilen von Paris und Antwerpen sowie einigen anderen Ballungszentren Westeuropas zu Stromausfällen führt, von denen fünfzehn Millionen Menschen betroffen sind, Auswirkungen sind bis Marokko zu spüren - Szenarien, die durch neuartige dezentrale, energieautarke, vernetzte Überwachungstechnik vermieden werden können.

So gibt es heute keine Systeme, die den Ist-Zustand und die aktuelle Belastung der Leitungsabschnitte zwischen den einzelnen Hochspannungsmasten überwachen. Eine derartige Technologie ermöglicht eine höhere Netzauslastung. Insbesondere kann in kritischen Situationen die tatsächliche momentane Belastbarkeit der Netze – abhängig unter anderem von vorherrschender Außentemperatur und Windstärke – ermittelt und ausgenutzt werden. Aktuelles und detailliertes Wissen über den Zustand gefährdeter Netzwerkkomponenten bringt für den Menschen ein Mehr an Flexibilität sowie Eingriffs- und Interaktionsmöglichkeiten. Auch in anderen Einsatzfeldern können dezentrale, energieautarke vernetzte Systeme die Sicherheit des Menschen erhöhen, indem sie ein aktuelles Abbild der Situation liefern. So verschaffen sie beispielsweise Einsatzkräften einen besseren Überblick bei Unglückszenarien oder sorgen für eine optimale Ausnutzung von Verkehrsinfrastrukturkapazitäten.

Nicht nur bei Überwachung und Optimierung von dezentralen Strukturen oder Vorgängen haben neuartige Technologien das Potenzial, die Sicherheit des Menschen zu erhöhen. Jeder kennt Alltagssituationen, in denen sich Technik einer intuitiven Bedienung entzieht, wie etwa wenn sich aufgrund der Vielzahl an verfügbaren Informationen und Optionen auf einem Touchscreen die richtige Taste nicht finden lässt. Sicherheitskritisch ist dies für die Menschen, die in Steuerungszentralen von Kraftwerken oder Verkehrsleitständen einen reibungslosen Betriebsablauf gewährleisten, für Ärzte oder aber für Einsatzkräfte im Katastrophenschutz, die darauf angewiesen sind, dass ihre technischen Hilfsmittel auch unter größtem Stress in unbekannten und unübersichtlichen Situationen einfach und intuitiv zu bedienen sind.

So ist ein wesentliches Ziel heutiger und künftiger interdisziplinärer Forschungsarbeiten, technischen Systemen Wissen über den jeweiligen Kontext und auftretende Problemstellungen mitzugeben – Kontextsensitivität, Adaptivität und Komplexitätsreduktion sind die damit verbundenen Fragestellungen. Eine optimale Interaktion von Mensch und Technik wird letztlich nur dann erreicht, wenn sich die Technik in hohem Maße auf den Menschen einstellt und nicht umgekehrt. Dazu muss einerseits Technik in die Lage versetzt werden, ein gewisses Maß an „Verständnis“ für menschliche Handlungs- und Denkweisen aufzubringen, sie muss – wenn möglich sogar individuell auf den Benutzer abgestimmt – alle wesentlichen Aspekte des jeweiligen Sachverhalts berücksichtigen und von Unwesentlichem unterscheiden können. Die Technik der Zukunft muss andererseits mit neuartigen Sensoren oder Schnittstellen versehen werden, die dem Menschen eine Interaktion erlaubt, die für ihn natürlich ist. Hierzu zählt ein zuverlässiges Erkennen von Sprache oder Gesten, das auch bei widrigen Bedingungen wie lauten Umgebungen oder schlechten Lichtverhältnissen funktioniert. So wird die Forschung zu multimodalen Interaktionsformen künftig weiter an Bedeutung gewinnen, nicht nur bei sicherheitsrelevanten technischen Systemen. Wünschenswert sind letztlich intelligente Systeme, die dem Menschen Eingaben in Form von komplexen Frage- oder Problemstellungen ermöglichen. Dem lästigen Suchen, Finden und Drücken von Tasten zur Interaktion mit Technik gehört sicherlich nicht die Zukunft.

 

Dr. Kristian Döbrich, VDI/VDE Innovation + Technik GmbH
kristian.doebrich@vdivde-it.de
+49 30 310078-345

Dr. Kristian Döbrich ist Physiker und beschäftigt sich mit Forschungsfragen zur Mensch-Technik-Interaktion.