Wird’s besser? Wird’s schlimmer? Was kann Technik?
Vor wenigen Tagen überraschte unsere elfjährige Tochter mit der Nachricht, dass sie 104 Jahre alt werde. Ein Freund hat auf seinem Smart Phone eine "App", mit der man nach der Beantwortung einiger Fragen seine Lebenserwartung ermittelt bekommt. Ich hoffe, genauso wie die meisten Eltern dieser Welt, dass dieses hoffentlich lange Leben glücklich, erfüllt und gesund verlaufen wird. Auch wenn es sich bei der App um ein Spiel handelt, haben unsere Kinder in der Tat gute Chancen, die in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegene Lebenserwartung noch zu übertreffen.
Zwei Dinge sind daran interessant:
1.) Die zunehmende Nutzung von Technik und neuen Medien im privaten Bereich verdeutlicht das inzwischen erreichte Maß an Selbstverständlichkeit im Umgang mit ihr. Gesundheit betrifft die Menschen ganz persönlich. Es zeichnet sich ab, dass die moderne Gesellschaft zukünftig mehr und mehr Technik nutzen wird, um den eigenen Gesundheitszustand zu ermitteln, sich gesund zu erhalten und gezielt präventiv zu wirken.
2.) Ein langes und gesundes Leben hängt von vielen Faktoren ab: Veranlagung, Ernährung, Alkohol- und Nikotinkonsum, körperliche Betätigung, Lebensstil, soziale Lage, psychische Konstitution sowie die Familiengeschichte spielen maßgebliche Rollen.
Von Weitem betrachtet wissen wir damit doch schon fast alles. Was wollen wir denn noch? Eine Garantie darauf, dass wir nach einem langen Leben gesund sterben werden, kann uns keiner geben. Bei genauerem Hinsehen hat Technik jedoch durchaus dazu beigetragen, dass die Lebenserwartung der Menschen zum Teil erheblich gestiegen ist. Der Einsatz von Technik und Technologien ermöglicht immer gezieltere Diagnosen, Therapien, präventive und rehabilitative Maßnahmen. Bahnbrechende Entdeckungen der Medizin von Antisepsis bis zu moderner Zahnheilkunde wären ohne den Einsatz von Technologien nicht denkbar gewesen.
Inzwischen ist Technik und sind technische Systeme so weit gereift, dass sie ganz besonders eng an den Menschen heranrücken können. Herzschrittmacher geben nicht nur den richtigen Takt vor, sie erfassen auch Veränderungen und kommunizieren mit der Außenwelt. In Notfällen können sie mit einer gezielten Defibrillation Leben retten. Intelligente Prothesen erkennen ansatzweise, was ihr Nutzer vorhat und unterstützen ihn spezifisch und zunehmend kontextsensitiv. Ärzte und technische Systeme interagieren miteinander, z.B. in der interventionellen Medizin, im Operationssaal und bei endoskopischen Eingriffen. Technik trägt zur Patientensicherheit bei und hilft im System Krankenhaus, Abläufe zu kontrollieren.
Die Weiterentwicklung von Technologien, drahtlose Kommunikationsmöglichkeiten, neue Energiekonzepte, hochpräzise, miniaturisierte Sensoren und Aktoren sowie Fortschritte in der molekularbiologischen Forschung, die eine individualisierte Betrachtung von Gesundheits- und Krankheitszuständen versprechen, legen den Grundstein für eine ganze Palette neuer Anwendungen. Anwendungen, die die Umsetzung einer auf jeden Menschen zugeschnittenen Medizin realistischer machen. Diese geht über die Stratifizierung von Patienten-Subklassen für die Voraussage der Wirkung von Medikamenten hinaus. Zu ihr zählen beispielsweise Implantate, die mithilfe spezifischer Sensoren individuelle Stoffwechselzustände erkennen und so helfen, chronische Krankheiten zu überwachen und gezielt und genauestens dosiert zu therapieren. Gehirn-Computer-Interfaces könnten zukünftig Assistenzsysteme steuern, die gelähmten Personen wieder zu mehr Eigenständigkeit verhelfen. Bionische Prothesen könnten fehlende Gliedmaße bestmöglich ersetzen.
Das besondere Potenzial einer noch engeren Mensch-Technik-Interaktion liegt darin, Menschen darin zu unterstützen, sich so lang wie möglich gesund zu erhalten, dabei zu helfen nach oder trotz Unfall bzw. chronischer Krankheit wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können und gezielt sowie auf jeden einzelnen zugeschnitten zu operieren, zu therapieren, zu interagieren. Benötigt wird eine Menge weiterer Forschungsanstrengungen zu Langlebigkeit, Zuverlässigkeit und der Zusammenführung von Daten zu einfach verständlichen und klaren Handlungsempfehlungen. Darüber hinaus sind Sicherheit, insbesondere Datensicherheit, Systemintegration sowie die Schaffung weiterer Grundlagen für die personalisierte Medizintechnik zentrale Forschungsthemen. Begleitend benötigen wir allerdings auch eine Erfassung der Grenzen von Technik und Technologien. Wenn wir mit viel Aufwand messtechnisch darstellen, was wir mit bloßem Auge hätten sehen und mit bloßem Menschenverstand hätten interpretieren können, haben wir nichts gewonnen.
Es gilt daher, Evaluationskriterien zu entwickeln, die den outcome-bezogenen Nutzen von Technologien im Gesundheitswesen herausstellen - eine methodisch anspruchsvolle Aufgabe. Aber eine enge Mensch-Technik-Interaktion konfrontiert uns auch mit bisher nicht gekannten Nutzendimensionen und Begleiteffekten. Und darüber müssen wir uns ebenfalls Gedanken machen.
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Dr.
Kristina
Hartwig,
VDI/VDE Innovation + Technik GmbH
Dr. Kristina Hartwig ist Biochemikerin. Als Seniorberaterin im Bereich Mikrosystemtechnik beschäftigt sie sich mit Themen rund um Medizin und Technik. |
