Juni 2011

Liebe Leserin, lieber Leser,

ein Gespenst geht um in Europa – trotz der Fortschritte in der Kosmetikindustrie und in der ästhetischen Chirurgie sind seine Falten klar zu erkennen. Es spukt durch unsere sozialen Sicherungssysteme und jagt uns der medialen Konjunktur folgend in regelmäßigen Abständen einen Schrecken ein. Die Werkzeuge der politischen Geisteraustreibung sind stumpf – die Anreize zur Steigerung der Geburtenrate sind bisher von nur mäßigem Erfolg gekrönt, und der Wettbewerb um junge Fachkräfte wird zu häufig von anglophonen Ländern gewonnen. So oder so ähnlich geht die Mär vom demographischen Wandel. Nicht dass nicht in jeder Spukgeschichte ein wahrer Kern verborgen wäre: Unsere am Beitragszahlermodell ausgerichteten sozialen Sicherungssysteme werden bald tatsächlich unter dem fehlenden Nachwuchs ächzen. Zu Bismarcks Zeiten erreichte in etwa 1% der Bevölkerung das damals gesetzlich festgelegte Rentenalter von 70 Jahren. Das hat sich heute glücklicherweise geändert. Doch die Quintessenz dessen scheint klar: Diejenigen unter uns, deren Gesundheitszustand es zulässt, werden länger arbeiten müssen! Die unterschiedliche Attraktivität von Arbeitsplätzen lässt dies für den ein oder anderen sicherlich als Hiobsbotschaft erscheinen, die die eigentliche frohe Kunde übertönt: Wir werden länger leben! Die zentrale Frage ist, wie wir dieses Mehr an Leben gestalten können und wollen. Jenseits aller Schwarzmalerei möchte sich nicht nur der neu gegründete Bereich Demographischer Wandel in der VDI/VDE-IT der Beantwortung dieser Frage stellen.
Lesen Sie zunächst im Beitrag von Christine Weiß, welche Forschungsperspektiven sich vor dem Hintergrund des demographischen Wandels ergeben. Dabei ist die Umgestaltung unseres Bildungs- und Weiterbildungssystems unter den Bedingungen des demographischen Wandels eines der dringlichsten Handlungsfelder. Ernst A. Hartmann macht in seinem Artikel auf die mangelnde Erfahrung in Deutschland mit Work-Based-Learning-Angeboten aufmerksam, die die Erwerbung von neuen Kompetenzen direkt im Arbeitsprozess selbst unterstützen und somit eine der möglichen Antworten auf den viel beschworenen Fachkräftemangel darstellen könnten. Doch der Mensch lebt nicht vom Brot allein! Abgesehen von der notwendigen Reaktion der Arbeitswelt auf den demographischen Wandel, stellt sich die Frage, wie Menschen im Alter ihr Leben auch jenseits des Erwerbslebens leben möchten. Andrea Repen plädiert in ihrem Artikel für neue Ideen und Konzepte, die in allen Lebensbereichen ein intergenerationelles Miteinander ermöglichen. Wir wissen aus zahlreichen Umfragen, dass sich ältere Menschen vor allem ein selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter in den eigenen vier Wänden wünschen. Assistive Technologien sollen in Zukunft einen Beitrag zur Realisierung dieses Wunsches leisten. Um zu verhindern, dass diese an den Bedarfen ihrer Nutzer vorbei entwickelt werden, sollte der Nutzer – so das Petitum von Andreas Kerzmann – unbedingt in den Entwicklungsprozess integriert sein. Doch nicht nur mangelnde Funktionalität erschwert die Akzeptanz assistiver Technologien, auch ihr gegenwärtiger Sanitätshauscharme in Weiß-Grau-Beige ist nicht jedermanns Geschmack. Deshalb macht sich Marc Bovenschulte für die Auslobung eines „Silver Dot Awards“ stark. Ansprechendes und funktionales Design ist seiner Meinung nach das Gebot der Stunde, besonders in Anbetracht der zukünftigen Alten, die vom Gewand der heutigen IuK-Technologien verwöhnt sind. Und, last but not least, damit eine längere Lebensspanne auch mit einer längeren Gesundheitsspanne einhergeht, wird sich das Behandlungssystem perspektivisch individualisieren müssen. In ihrem Artikel skizziert Monika Huber die Notwendigkeit von weitreichenden Produkt- und Verfahrensinnovationen zur Erreichung dieses Ziels.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!

Simone Ehrenberg-Silies und Sandra Rohner



Download der Ausgabe Juni 2011 als PDF



Ausgabe Juni 2011