„Cloud working“: Modernes Prekariat oder Ausdruck eines Lebensstils?

Die Arbeitswelt ist ständig im Wandel. Heute findet Arbeit nicht nur zunehmend in Projekten und Netzwerken statt, sondern auch in Form von offenen und „liquiden“ Arbeitsmodellen – und das nicht nur in der sogenannten „Kreativwirtschaft“, dem Hort der Freelancer und Zeitarbeiter.

Als im Februar 2012 eine Pressemeldung von IBM die Runde machte, waren es nicht nur die geplanten Stellenstreichungen bei IBM Deutschland, die die Belegschaft des IT-Unternehmens in helle Aufregung versetzte. Die Rede war auch von einem neuen Organisationsmodell: „Liquid“. Gegenüber dem Handelsblatt ließen Spitzenmanager durchsickern, dass es bei Liquid vor allem um die Auslagerung von Tätigkeitsfeldern in eine Working Cloud geht. IBM plante damit, was andere Unternehmen weltweit bereits für sich nutzten: Den globalen Zugang zu hochqualifiziertem Personal, das im direkten Wettbewerb miteinander kosten- und zeitsparend Ideen und Produkte entwickelt bei gleichzeitiger Umgehung von nationalen Arbeitsgesetzgebungen, Zeitzonenbeschränkungen oder regionalen Hindernissen.

Doch während Verdi in einem Comic „Arbeiten in der Wolke“ drastisch die gesellschaftlichen, unternehmerischen und persönlichen Risiken für den Cloud Worker anprangert und vor der Auflösung sozialer Standards und qualifizierter Arbeitsplätze warnt und die taz von den „traurigen Tagelöhnern“ titelt, ist es für andere eine „natürliche Entwicklung der modernen, verknüpften Welt“ (twago). Sie wird bestimmt durch den Algorithmus von Angebot und Nachfrage und der einzig notwendigen Größe der individuellen „Employability“. Die grenzenlose Freiheit wann, wo, wie viel und letztendlich auch wofür man seine Arbeitskraft einsetzen möchte. Die totale Selbstbestimmung über den Alltag und damit die ideale Voraussetzung, um Beruf, Freizeit und Familie optimal verbinden zu können. Die Möglichkeit, schneller und einfacher zum ersehnten Job zu gelangen. Und – um auch letzte Zweifler restlos zu überzeugen – ein aktiver Beitrag zum Umweltschutz, denn es beansprucht weniger Bürofläche etc. und hilft daher den CO2-Ausstoß zu reduzieren.

Internationale Cloud Working-Plattformen wie oDesk, clickworker.com, twago und top-coder verzeichnen seit Jahren enormen Nutzerzuwachs, seit einigen Jahren auch jenseits der typischen Branchen Informatik und Medien. Laut Economist von Juni 2013 ist zu erwarten, dass der Umsatz von Cloud Working-Anbietern 2014 auf 2 Mrd. $ und 2018 auf 5 Mrd. $ steigen wird. Eine von Microsoft in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Schluss, dass 2015 weltweit mehr als 7 Millionen Cloud Computing Jobs im Angebot sein werden. Wichtige IT-Unternehmen wie Sales-force.com, Microsoft, Google und Amazon investieren große Summen in unternehmenseigene Cloud-Computing-Infrastrukturen.

Werden wir uns also in Zukunft morgens nicht mehr länger auf den Weg zum Arbeitsplatz machen? Wird sich – oder hat sich vielleicht bereits – Freelancing aus einem häufig aufgezwungenen und ungeliebten Arbeitsverhältnis zu einem modernen Lebensstil entwickeln? Um die besten Cloud Worker für das anstehende Projekt zu bekommen, nutzen die öffentlichen sowie die unternehmenseigenen Plattformen Erfahrungen, die sich bereits durch soziale Netzwerke und im Online-Versandhandel bewährt haben: Die persönliche Bewertung der Cloud Worker sowohl vor der Aufnahme in die Cloud durch eine Punkteskala der Qualifikation des potenziellen Auftragnehmers, als auch nach dem Abschluss der Tätigkeit durch eine persönliche Bewertung. Dabei geht die Bewertung der vorhandenen Qualifikation häufig einher mit einer notwendigen Zertifizierung durch eigens entwickelte und teuer zu bezahlende Zertifizierungsprogramme der Unternehmen.

Der Idealfall für die Unternehmen wird allerdings in offenen Online Calls gesehen, um dann nur noch die beste Lösung zu bezahlen. Die viel zitierten Äußerungen, dass durch Cloud Working Arbeit überwiegend in Entwicklungsländer verschoben wird und modernes Sklaventum unterstütze, will der Economist allerdings nicht bestätigen: Die drittstärkste Einkommensgruppe beim amerikanischen Nr. 1-Anbieter oDesk sind keine Freelancer in Entwicklungsländern, sondern in Amerika selber. Und durch das Bewertungssystem konnten die Arbeiter bei oDesk ihr Einkommen im ersten Jahr um durchschnittlich 60 % anheben, über drei Jahre im Durchschnitt um 190 %. Doch anders als zu erwarten beginnt nicht notwendigerweise das große virtuelle Gemetzel in der Wolke, sondern es entstehen neue Partnerschaften und Subunternehmen wie auch sonst in der Arbeitswelt. Und auch für das zeitweilige Bedürfnis nach direkter menschlicher Nähe und persönlichem Austausch ist schon gesorgt: Mit der Plattform Jelly kann man weltweit an über 100 Orten beim „semi-weekly-work-together“ im heimischen Wohnzimmer oder im angemieteten Coffee Shop für eine kurze Zeit das Gefühl genießen, wie es wäre, Teil einer realen Belegschaft zu sein.

 

Miriam Kreibich, VDI/VDE Innovation + Technik GmbH
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Miriam Kreibich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bereichs GuW mit dem Arbeitsschwerpunkt Wissens- und Technologietransfer.