Das Gehirn meißelt nichts in Stein – Innovationsbremse neue Medien?

Gehirn, Meißeln, Stein. Können Begriffe weiter entfernt von aufstrebenden Technologien sein? Die rhetorische Antwort muss natürlich lauten: Ja. Denn es ist das menschliche Gehirn, das innovative Technologien entwickelt und nutzt. In Zukunft werden wir uns mit Hilfe dieser Technologien intensiver sozial-virtuell vernetzen und vermehrt mit der Umwelt kommunizierende Technologien einsetzen. Die Fähigkeit, eine stärkere Virtualisierung und Vernetzung erfolgreich zu nutzen, setzt eines voraus: eine souveräne Technik- und Medienkompetenz (TMK).

Daher liegt es verständlicherweise nahe, dem Menschen so früh wie möglich TMK qua Mediennutzung zu vermitteln. Eine intensive frühe Mediennutzung führt aber kurioserweise oft zu Medieninkompetenz. Zudem ist die zu frühe Nutzung von Medien für die Innovationsfähigkeit einer Gesellschaft einer Vollbremsung gleichzusetzen. Dead End Multimediagesellschaft also. Sind diese plakativen Thesen begründet? Ja. Gibt es Lösungen? Ja.

Und die Begründung ist erstaunlich einfach: Unser Gehirn meißelt nichts in Stein! Wir können nicht beliebig Informationen aufnehmen und hoffen, diese mögen alle optimal arrangiert und sicher abrufbar eingemeißelt werden. Gerade zu Beginn unseres Lebens verfügen wir über eine enorme verwendungsabhängige Wandelbarkeit der zellulären Strukturen. Das junge Gehirn ist ein mit Lebendigkeit angefüllter, enorm dicht gepackter Mikrokosmos. Mindestens 100 Milliarden Zellen suchen über ihre jeweils 1.000 beweglichen Äste die für sie passenden Partner. Diese 100 Billionen flexiblen Vernetzungen – Leistungsbedarf (nur!) 30 Watt oder 6,5 Gramm Glukose je Stunde – formen die Grundlage für komplexe Wechselwirkungen. Sie machen das Verhalten von Menschen manchmal unverständlich, aber sie sorgen auch für individuelle Identität und Liebenswürdigkeit. Während im Kleinkindalter mit jedem neuen Reiz sehr schnell neue Verbindungen entstehen, werden nicht gebrauchte Verbindungen ebenso schnell wieder abgebaut. Im Alterungsprozess verstärken sich oft gebrauchte Verbindungen, neue werden zögerlicher aufgebaut. Eine Analogie hierzu ist übrigens in der Konstruktion sozialer Netzwerke zu finden. Erwachsene leben stärker in gefestigten Erinnerungen; den als Persönlichkeit subsumierten Verhaltensmustern.

Was macht eine INTENSIVE Mediennutzung nun so gefährlich für junge Menschen?

[Monomodale Reize] Einerseits kann das Gehirn genau dann die vielfältigsten Strukturen aufbauen, wenn es durch vielfältige Reizarten stimuliert wird. Multimedianutzung ist unabhängig von den projizierten Inhalten, die vom jungen Hirn mangels Vorhandensein von Referenzinformationen ohnehin nicht zugeordnet werden können, eine extrem monotone Art der Stimulierung. Die Vielfalt von taktilen, visuellen, auditiven, olfaktorischen und anderen Reizen wie Beschleunigungen bei Bewegungen oder feinmotorischen Handlungen beim Basteln wird hier dem Kleinkind ebenso entzogen wie die Möglichkeit, mit mehr als Maus, Tastatur, Webcam oder extrem reduzierten Bewegungscontrollern mit der Umwelt zu interagieren. Eine schlechte, der Angst gleichende Basis für ein umfassendes Verständnis der Lebenswelt.

[Komplexitätsbremse] Andererseits ist es eine Stärke des Gehirns, neugierig zu sein und aktiv nach Reizen zu suchen. Das junge Hirn wird von der Einfachheit der Hardware von Medien daran gehindert, den Aufbau von Denkstrukturen zu verfolgen und zu verbessern. Wird zudem Kompetenz unverlangt vermittelt, ist damit oft ein großer Teil von weiterer Passivität und  Fremdsteuerung verbunden. Aktive Bedürfnisse und Vernetzungsprozesse werden so behindert.

[Suchtpotenziale] Stattdessen werden Software-seitig teils suchterzeugende Belohnungsstrukturen angeboten. Völlig falsche Zieldefinitionen werden dann vom orientierungssuchenden Hirn adaptiert und verfestigt. Zeit zur Anlage sinnvoller Vernetzungen geht verloren. Im Alter stehen dann weniger komplexe Netzwerke zur Verfügung, sodass neue Inhalte schlechter erlernt werden können als notwendig.

[Reizüberflutung] Und schließlich muss das Gehirn selbst die Zeitpunkte setzen dürfen, wann es Pausen zur Festigung von Inhalten benötigt. Zu intensive Mediennutzung ist in der Regel mit einem pausenlosen Reizangebot verknüpft. Es entstehen viele lockere – nervöse – Verknüpfungen, doch nicht die notwendig festen und modal vielfältigen Strukturen, die zu Ideenreichtum und starker Persönlichkeit herangedeihen können.

Souveräne TMK beinhaltet demnach eine möglichst späte, dafür kooperativ begleitende, kompetent selektive und wohl dosierte Heranführung an die immer wichtiger werdenden Möglichkeiten der Mediennutzung. So lassen wir jungen Menschen ein wenig Zeit, um ihre Grundlagen für Kreativität, Intelligenz, Persönlichkeit und Innovationsfähigkeit entwickeln zu können. Denn eine hohe TMK kann erst dort Wurzeln schlagen, wo idealerweise zuvor bereits eine hohe Selbst- und Umweltkompetenz den Boden bereitet hat. Und genau damit öffnen sich alle innovationsfördernden Chancen neuer medialer Technologien.

 

Oliver Schwetje, VDI/VDE Innovation + Technik GmbH
oliver.schwetje@vdivde-it.de
+49 30 310078-466

Oliver Schwetje beschäftigt sich als Sozialwissenschaftler neurowissenschaftlicher Prägung mit technikinduzierten Resonanzen in Individuum und Gesellschaft.