Ist Pharma bereit für Open Innovation?

In der Pharmaforschung, dem einstigen Musterbeispiel für Closed-Shop-Forschung, erlangen kooperative Arbeitsmodelle in Open-Innovation-Szenarien immer mehr Bedeutung.

Innovationen vollziehen sich in einigen Branchen mehr und mehr in Open-Innovation-Szenarien. Dies ist erweiterten Zugängen zu neuen Technologien und globalen Ressourcen sowie ganz simpel dem Leidensdruck geschuldet, der entsteht, wenn bekannte Wertschöpfungs- und Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren. Open Innovation ist dabei vor allem eine neue Form der Zusammenarbeit. Statt einer ex-ante fest verhandelten Rollenverteilung zwischen einer begrenzten Zahl an Projektpartnern werden die anstehenden Aufgaben so freigegeben, dass viele Akteure mit Angeboten für eine Problemlösung, eine Technologie oder mit einem Forschungsbeitrag reagieren kann.

Die forschende Pharmaindustrie steht schon geraume Zeit unter Druck, sich aufgrund des abnehmenden Erfolgs der Blockbusterstrategien und explodierender FuE-Kosten neuen Kooperationsformen zu öffnen. Sie wird sich künftig wohl seltener auf bilaterale oder trilaterale Kooperationen zwischen Big Pharma, KMU und Akademia beschränken. Zunehmend wird die pharmazeutische Wertschöpfung im Sinne von gelebter Open Innovation aus einer Art Innovationszuliefererkette zusammengesetzt. Zu dieser gehören akademische Arbeitsgruppen, spezialisierte Firmen für Screening, chemische Synthese und Toxikologie bis hin zu Anbieterkonsortien für klinische Studien. Mit steigender Komplexität wird es für die Pharmaindustrie weniger attraktiv, die komplette praktische Expertise für die Medikamentenentwicklung im eigenen Haus zu behalten.

Einige Unternehmen werden sich darauf spezialisieren, den gesamten Wertschöpfungsprozess zu koordinieren. Erfolgreiches Beispiel für ein solches Geschäftsmodell sind die „Micropharma“-Firmen aus der Boston Area. Diese virtuellen Firmen beschäftigen oft nur eine Handvoll Mitarbeiter, die Gründer sind meist erfahrene Veteranen aus der Pharmabranche. Diese Firmen nutzen ganz selbstverständlich E-Commerce-Plattformen für die Auslagerung auch wissenschaftlicher Aufgaben und sind hochvernetzt und dank ihrer cloudbasierten Infrastruktur schlank und mobil. VC-Kapitalgeber lieben diese Firmen, und in ihrer zugegebenermaßen kurzen, knapp zehnjährigen Historie ist noch keine dieser Firmen gescheitert. Auch Crowdsourcing wird bei der Innovationstätigkeit in der Pharmaindustrie eine größere Rolle spielen.

Eine beeindruckende Erfolgsgeschichte konnte hier Roche verbuchen: Die Schweizer Pharmafirma schrieb in einem Wettbewerb ungelöste FuE-Fragen aus der Diagnostik über das Open-Innovation-Portal InnoCentive aus. In einer Fallstudie dazu berechnete die London Business School, dass die eingereichten Lösungen ein Äquivalent von 15 Jahren eigener Forschung und Entwicklung repräsentierten – und das für ein Preisgeld von 20.000 Dollar. In öffentlich-privaten Partnerschaften mit akademischen Forschungseinrichtungen suchen Pharmaunternehmen nach Möglichkeiten, durch externes Know-how bessere Ergebnisse zu erzielen und die Effizienz von Innovationsprozessen zu erhöhen. Im Rahmen von IMI, der größten europäischen Plattform für Pharmaentwicklung, sind entsprechende Formate für Open Innovation ausprobiert worden. Die großen Pharmafirmen schätzen IMI, für kleine und mittlere Unternehmen ist die Maßnahme jedoch offenbar weniger attraktiv. KMU beklagen, dass sie in solchen Kooperationen viel offenbaren müssten, aber wenig zurückbekämen. Zudem sehen sie sich mit ihren spezialisierten Kompetenzen oft nicht in der Lage, die Ergebnisse erfolgreich zu kommerzialisieren.

Zweifellos ist Open Innovation für eine Branche wie Pharma eine interessante Entwicklung. Bisher ungenutzte Potenziale können durch die Integration internen und externen Wissens gehoben werden, dennoch ist großflächiger Einsatz von Open Innovation sicher noch nicht der Fall. Dies wird erst dann möglich, wenn funktionierende Entwicklungs- und Geschäftsmodelle implementiert sind, die den Interessen aller Partner genügen. Fragen der Kooperation zwischen industrieller und akademischer Forschung, vor allem in Bezug auf eine ausgewogene Verteilung der Schutz- und Verwertungsrechte sind zu klären. Dies gilt auch für die Rollenverteilung zwischen Big Pharma und kleinen spezialisierten Unternehmen. Dabei stellen sich für die großen Unternehmen verstärkt Herausforderungen der Incentivierung von Managern, offen für die Integration externer Angebote zu sein und das oft beklagte „Not-Invented-Here“-Syndrom zu vermeiden. Kooperationsprozesse werden künftig zunehmend in virtuellen, dynamischen Projektkonstellationen organisiert, was dazu führt, dass sich die klassischen Projektmanagement, -controlling- und -finanzierungsinstrumente grundlegend verändern.

 

Dr. Anne Dwertmann, VDI/VDE Innovation + Technik GmbH
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Dr. Anne Dwertmann ist Biomedizinerin mit dem Schwerpunkt Gesundheitswirtschaft.

 

Dr. Anette Hilbert, VDI/VDE Innovation + Technik GmbH
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Dr. Anette Hilbert ist promovierte Ökonomin mit den Schwerpunkten Innovationspolitik und Forschungsförderung.