Lernen in der digitalen Welt

Firmen wie Google haben es sich zum Ziel gemacht, sämtliche Informationen der Welt zu organisieren und universell zugänglich und nutzbar zu machen. Obwohl dieses Vorhaben wahrscheinlich nie ganz umgesetzt wird, ist es bereits heute möglich, einen Großteil der existierenden Bücher online zu lesen, sich an digitalisierten Landkarten zu orientieren oder fast jeden erhältlichen Film anzuschauen. All dies ist von zu Hause aus dem Sessel oder von unterwegs auf Laptop, Tablet oder Handy möglich. Diese Entwicklung, sämtliche Informationen auf einem digitalen Gerät zu Verfügung zu stellen, birgt riesiges Potenzial und vielseitige Vorteile für das Lernen. Informationen sind unter extrem geringem zeitlichem und finanziellem Aufwand und selbst in ärmeren Regionen ohne hoch entwickelte Infrastruktur erhältlich, lassen sich vervielfältigen und können weitergegeben werden. Das Lernen und Arbeiten auf digitalen Geräten kann aber im Vergleich zur analogen Welt von Nachteil sein. Dies soll hier an zwei Beobachtungen aus der Kognitionswissenschaft erläutert werden. Auf der einen Seite steht das hoch entwickelte räumliche Gedächtnis des Menschen und auf der anderen die Theorie des „Embodiments“ (Verkörperung).

Das räumliche Gedächtnis des Menschen ist sehr leistungsfähig. Beim Lesen von Büchern haben wir eine ziemlich genaue Vorstellung, wo eine bereits gelesene Information zu finden ist. Oftmals erinnern wir uns nicht mehr an den genauen Inhalt (z. B. eine bestimmte Jahreszahl), aber wir wissen genau, dass sie auf der oberen Hälfte einer linken Seite im letzten Drittel des Buches zu finden ist. In der Schule bei einer Prüfung kann es vorkommen, dass der Prüfling auf eine leere Stelle der Tafel starrt, weil er weiß, dass der Lehrer dort die Antwort der gestellten Frage am Vortag aufgeschrieben hatte. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass es Vorteile haben kann, die leere Tafel anzuschauen, um sich besser an das dort am Vortag Geschriebene zu erinnern. Informationen haben also auch eine ortsgebundene Komponente, welche beim Verarbeiten und Abspeichern genutzt wird. Diese Komponente ist in der digitalen Welt allerdings weniger stark ausgeprägt. Beim Lesen einer Webseite verschwindet der Text beim Scrollen vom Bildschirm. Videodateien können zwar in Ordnern organisiert sein – sie haben aber keinen festgelegten Ort, auf den man mit dem Finger zeigen könnte, um zu erklären, wo diese zu finden sind.

Die Theorie des Embodiments stammt aus der neueren Kognitionswissenschaft und besagt, dass die menschliche Wahrnehmung ein Prozess von sensomotorischer Koordination ist. Die Informationsaufnahme und -verarbeitung findet nicht ausschließlich durch die Sinne und im Gehirn statt, sondern hängt gleichfalls von der Position und Form des Körpers ab. Es existiert eine Wechselwirkung zwischen Körper und Denkprozessen, die darin besteht, dass Denkprozesse motorische Prozesse auslösen und motorische Prozesse Denkprozesse beeinflussen können. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen diese Wechselwirkung. So wurde gezeigt, dass beim ausschließlichen Betrachten einer Tasse, die so positioniert ist, dass der Henkel nach rechts zeigt, gleichzeitig der rechte Arm verstärkt aktiviert wird. Umgekehrt versteht der Mensch Sätze wie „Dreh das Radio lauter“ schneller, wenn er gleichzeitig eine Drehbewegung nach rechts mit der Hand ausübt, da dies die übliche Handbewegung darstellt, um die Lautstärke eines Radios zu erhöhen. Beim Lernen über ein digitales Gerät wird dieser Effekt oft nicht ausgenutzt. Das Betrachten eines Lernvideos kann die eigentliche Anwendung und das Austesten des Erlernten nicht ersetzen. Der motorische Akt des Sortierens von Informationen, beispielsweise mit Karteikarten, könnte Teil des Lernprozesses sein.

Die Wiedereinführung von analogen Lernformen wäre keine geeignete Lösung, um die beschriebenen Effekte auszunutzen. Bei der Entwicklung von effizienten und leicht erhältlichen Informationen muss allerdings in Betracht gezogen werden, dass eine räumliche Aufteilung von Informationen hilfreich und die Suche und Kategorisierung von Informationen Teil des Lernprozesses sein kann. Bei der Erforschung von Mensch-Technik-Schnittstellen und digitalen Lernverfahren sollten kognitionswissenschaftliche Erkenntnisse verstärkt ausgenutzt werden. Zum Beispiel könnte das Scrollen in einer Webseite durch neue Interaktionselemente ersetzt werden, die an ein Buch erinnern. Die aktuelle Position im Text sollte sowohl visuell als auch haptisch repräsentiert sein. Dadurch werden Informationen nicht nur leichter zugänglich, sondern auch leichter erlernbar.

 

Dr. Jens Apel, VDI/VDE Innovation + Technik GmbH
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Dr. Jens Apel ist im Bereich Kommunikationssysteme und Mensch-Technik-Interaktion tätig. Sein Schwerpunkt sind Kognitionswissenschaften mit Fokus auf
Sprachverarbeitung und Computerlinguistik.