Technologieförderung braucht Begleitforschung

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Christine Weiß

Nacktscanner... wie konnte das nur passieren? Ganz einfach: Die Auflösung wurde optimiert, die Darstellung verfeinert, das visuelle Ergebnis war optimal und der Verbrecher wird im Handumdrehen überführt. Ein Triumph der Technik für mehr Sicherheit auf unseren Flughäfen! Aber warum regen sich die Menschen so auf? Hat die Öffentlichkeit den Fortschritt nicht erkannt? Aus dem Triumph wird ein Flop - schade um eine erstklassige Technologie.

Am 24.10. 2008 überschlugen sich die Nachrichten zu einem neuen Bodyscanner, der bereits an Flughäfen in den USA, Holland und der Schweiz erprobt wird und 2010 EU-weit eingeführt werden sollte. Ziel des Scanners ist es, basierend auf elektromagnetischen Strahlen im Terahertz-Bereich, das manuelle Abtasten der Fluggäste durch einen hochauflösenden Ganzkörperscan abzulösen. Problem ist nur: Die Geräte zeigen die Menschen nackt - Speckrollen, künstliche Darmausgänge, Prothesen und Genitalien inklusive. Dies ging nun auch den sicherheitsbedürftigsten Bürgern, aber auch Politikern zu weit. Eine ARD-Umfrage am 25.10. 2008 ergab ein klares Bild zu der Frage: Was halten Sie von den geplanten Sicherheitskontrollen? Für 31 % der Befragten steht die Sicherheit im Vordergrund, so dass sie die Scanner akzeptieren würden. Hingegen für 68 % der Befragten überschreitet die neue Technik alle Schamgrenzen und verstößt gegen die Menschenwürde.

Nun ist es spekulativ, ob in das FuE-Projekt „Bodyscanner“ sozialwissenschaftliche Expertise einbezogen war. Das Ergebnis deutet allerdings darauf hin, dass das technisch Machbare anscheinend den größten Einfluss auf die Zielerreichung hatte. Dies ist in vielen Forschungsvorhaben mit hohem technisch-wissenschaftlichem Anspruch auch in Ordnung, so lange sich die neuen Erkenntnisse auf Produkte oder Verfahren auswirken, bei denen Menschen nicht unmittelbar betroffen sind, z. B. hochpräzise Messtechnik in der automatisierten Produktion. Sobald aber der Mensch als direkter Nutzer ins Spiel kommt, ist seine Akzeptanz entscheidend für den späteren Erfolg des Produktes oder der Dienstleistung am Markt. Diese Akzeptanz umfasst daher vor allem nicht-technologische Herausforderungen basierend auf ethischen, sozialen, ergonomischen, (datenschutz-)rechtlichen und ökonomischen Aspekten.

Für optimale Ergebnisse technologischer Forschung sind sowohl projektinterne, als auch übergeordnete Betrachtungen zu nicht-technologischen Innovationsbarrieren wichtig. Projektinterne sozialwissenschaftliche Forschung ermöglicht den Projektpartnern eine sehr viel genauere und spezifischere Erstellung des Anforderungsprofils für den später umworbenen Kundenkreis. Eine übergeordnete Begleitforschung parallel zu mehreren Projekten, z. B. einer Bekanntmachung, abstrahiert die nicht-technologischen Innovationsbarrieren stärker, hat dafür aber einen größeren Einfluss auf die Trendsetzung im Forschungsthema.

Positive Erfahrungen konnten im Rahmenprogramm „Mikrosysteme“ mit Begleitforschung vor allem im Bereich Gesundheit gesammelt werden. 2005 wurde das erste Begleitprojekt zur Bekanntmachung „Präventive MikroMedizin (PMM) - Telemonitoring von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ gestartet. Nachdem die Projektkoordinatoren anfänglich sehr skeptisch waren, liegt die Zufriedenheit nach drei Jahren Laufzeit bei nahezu 100 %. Dies liegt daran, dass sowohl ein großer Bedarf zur Vernetzung der Projekte vorhanden war, als auch daran, dass der unmittelbare ökonomische Nutzen für die Projektpartner bald ersichtlich wurde. Denn ein wesentliches Ziel aller industriellen, aber auch medizinischen Partner waren gemeinsame gesundheitspolitische Aktivitäten zur Realisierung einer Vergütung telemonitorischer Leistungen durch die Krankenkassen. Der Durchbruch ist hier noch nicht erreicht, erste Erfolge konnten aber bereits errungen werden, die ohne das Begleitprojekt nur schwer realisierbar gewesen wären. Basierend auf den förderpolitischen Erkenntnissen aus diesem PMM-Begleitprojekt wurden 2009 begleitende Maßnahmen zu „Assistenzsystemen im Dienste des älteren Menschen – AAL“ ins Leben gerufen. Neu ist, dass die nachhaltige, nationale Vernetzung der Player und die sozio-ökonomische Begleitforschung in zwei separaten Begleitprojekten durchgeführt werden. Die Trennung dieser beiden begleitenden Maßnahmen verspricht noch spezifischere und intensivere Aktivitäten zur Überwindung nicht-technologischer Innovationsbarrieren.

Begleitforschung kostet Geld und ist meist Teil eines limitierten Fördertopfes. Manche Technologen sähen stattdessen lieber ein weiteres FuE-Projekt. Der Nacktscanner sollte uns aber eine Lehre sein. Wären vielleicht ein paar mehr Euros in die Analyse der Technikakzeptanz geflossen, so dass das Verfahren den Menschen nicht so nackt und bloß hätte dastehen lassen, wer weiß, ob wir nicht schon bald der ziemlich lästigen Leibesvisite entgangen wären. Deswegen: Technologieförderung braucht Begleitforschung, die verhindern hilft, dass die Forschungsförderung technologisch exzellente, aber gesellschaftlich umstrittene bzw. inakzeptable Lösungen hervorbringt. Besser wir gönnen uns rechtzeitig mehr Begleitforschung!

Download dieses Artikels sowie der drei weiteren Beiträge der Ausgabe Oktober als pdf (2,5 MB)



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Christine Weiß, VDI/VDE Innovation + Technik GmbH
+49 30 310078-184, weiss@vdivde-it.de

Christine Weiß ist für den Forschungsbereich ,,Assistenzsysteme im Dienste des älteren Menschen - AAL” verantwortlich. Sie betreut übergeordnet die Verbundprojekte und koordiniert die spezifische Begleitforschung zu AAL.

Created by ahrensheimer
Last modified 28.10.2009 10:09 AM