Dabei geht es nicht allein um ökonomische Wettbewerbsfähigkeit, sondern ebenso um die langfristigen Grundlagen gesellschaftlichen Wohlstands, technologischer Souveränität und globaler Verantwortung. Wenn der industrielle Kern der Volkswirtschaft erodiert und sich dies in sinkender Wettbewerbsfähigkeit, dem Verlust hochqualifizierter und gut entlohnter Industriearbeitsplätze sowie einer zunehmenden Deindustrialisierung manifestiert, müssen wir neu bestimmen, auf welchen produktiven, technologischen und institutionellen Fundamenten zukünftige Wertschöpfung beruhen kann.
Industriepolitik beschreibt die Gesamtheit staatlicher Maßnahmen zur Gestaltung wirtschaftlicher und technologischer Entwicklungspfade. Ihr Ziel besteht darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen industrielle Unternehmen im internationalen Wettbewerb bestehen und neue Wachstumspotenziale erschließen können. Zugleich ist offensichtlich, dass eine primär bestandserhaltende Industriepolitik an Grenzen stößt. Kritikerinnen und Kritiker weisen zu Recht darauf hin, dass klassische Instrumente wie Subventionen, Steuererleichterungen oder Schutzmechanismen bestehende Strukturen stabilisieren können, ohne notwendige Transformationsprozesse ausreichend zu fördern.
Dadurch entsteht ein Spannungsverhältnis: Staatliche Intervention kann kurzfristig Stabilität sichern und systemische Risiken begrenzen, zugleich aber Anpassungsdruck reduzieren und langfristige Wettbewerbsfähigkeit schwächen. Industriepolitik bewegt sich daher notwendigerweise im Spannungsfeld von Stabilisierung und Transformation – nicht als entweder oder, sondern als anspruchsvolle Balance beider Zielsetzungen.
Die Erfahrungen der Corona-Pandemie haben dieses Spannungsverhältnis deutlich gemacht. Deutschland erlebte mit einem teilweisen industrie- und ordnungspolitischen Paradigmenwechsel, weg vom reinen Marktliberalismus hin zu mehr staatlich koordinierter Industriepolitik (Resilienzorientierung und wirtschaftliche Sicherheitspolitik), in dessen Verlauf staatliche Eingriffe in Lieferketten, Produktionskapazitäten und strategische Industrien in einer zuvor kaum vorstellbaren Intensität legitimiert wurden.